Nachbearbeitung
Philosophie, Arbeitsablauf, RAW vs JPEG, lokale Korrekturen, Farbkohärenz, Druckvorbereitung.
Philosophie: Veredeln statt Reparieren
Systematisch auf Software zu zählen, um ein unterbelichtetes oder schlecht gerahmtes Bild zu "retten", lenkt von der Essenz ab: beim Auslösen vorausdenken. Optimale Nachbearbeitung verstärkt die Wirkung einer soliden technischen Basis: Dichten fein justieren, den Blick führen, wichtige Texturen hervorheben und die Palette harmonisieren. Weniger Nachbesserung = mehr kreative Energie.

RAW vs JPEG
Stärken von RAW
- Erhöhter Belichtungsspielraum (Wiederherstellung von Lichtern & Schatten).
- Neutrales Farbprofil leicht zu stylen.
- Bittiefe → feine Übergänge in Himmeln und Verläufen.
- Möglichkeit, eine Datei Jahre später mit neuen Werkzeugen neu zu besuchen.
Grenzen / Fallen
- Korrigiert keine wackelige Komposition.
- Das "Ich repariere es später" verzögert das Lernen vor Ort.
- Aggressive Bearbeitungen können Halos / Banding erzeugen.
- Längere Sortierzeit bei ungefilterte Ansammlung.

Verwenden Sie RAW als Qualitätsmarge, nicht als Ausrede für Eile. Ein JPEG einer durchdachten Szene übertrifft oft ein ungefähres RAW, das mühsam "gerettet" wurde.
Strukturierter Arbeitsablauf
- Aufnahme & Sortierung: Import, Schlagwörter, sofortige Eliminierung von Unschärfen und Duplikaten.
- Grundlegende Anpassungen: Weißabgleich, globale Belichtung, sanfter Kontrast, neutrales Farbprofil.
- Gezielte Tonanpassungen: Lichter, Schatten, Weiß, Schwarz → Mikro-Balance ohne Dynamik zu zerquetschen.
- Optische Korrekturen: Verzerrung, störende Vignettierung, chromatische Aberrationen.
- Reinigung: Sensor (Flecken), punktuelle störende Elemente.
- Lokale Anpassungen: Masken zur Blickführung (Rand abdunkeln, Motiv aufhellen).
- Stil / Harmonisierung: subtiles Color Grading, selektive Sättigungskalibrierung.
- Finale Schärfung: angepasste Ausgabeschärfe (Web / Druck) + korrekter ICC-Profilexport.
Tipp: Trennen Sie "Technik" und "Stil" in zwei unterschiedlichen Durchgängen um Intentionsdrift zu begrenzen.

Häufige Fehler
Über-Wiederherstellung Schatten
Schatten, die verwaschen grau werden → Volumenverlust. Lassen Sie Geheimnis.
Einheitliche Sättigung
Alle Farben gepusht = visueller Kampf. Priorisieren Sie 1–2 dominante Töne.
Übermäßige Klarheit / Textur
Mikrokontrast überall → Augenermüdung + verstärktes Rauschen.
HDR-Halos
Künstliche helle Ränder um Berge / Bäume nach aggressiven Fusionen.
Missbräuchliche Glättung
Rauschreduktion, die Oberflächen plastifiziert und subtile Details unterdrückt.
Systematischer Zuschnitt
Sich auf den Crop zu verlassen statt die Komposition vor Ort zu pflegen reduziert die nutzbare Auflösung.

Bildausschnitt & überlegte Korrekturen
Den Horizont leicht zu korrigieren oder eine vertikale Linie zu begradigen ist legitim. Eine Szene vollständig neu zu komponieren, weil der ursprüngliche Rahmen faul ist, verwässert die Disziplin des Blicks. Gewöhnen Sie sich daran, 90% Ihrer Komposition bei der Aufnahme zu "beenden": der Zuschnitt wird dann ein Werkzeug der Mikro-Balance, keine Krücke.

Intentionale Farbe
Entscheiden Sie früh, ob Ihre Wiedergabe dokumentarische Neutralität, warme Atmosphäre, minimalistische kalte Palette oder komplementären Kontrast (Cyan/Orange, Violett/Gold) bevorzugt. Stabilisieren Sie den Ausgangsweißabgleich, dann modulieren Sie die Mitteltöne mit "Color Grading"-Tools oder Kurven pro Kanal. Begrenzen Sie die globale Sättigung und verstärken Sie lokal die Schlüsselakzente um das Auge zu führen.

Visueller Stil
Entwickeln Sie einen kohärenten stilistischen Ansatz durch Experimentieren mit Farbpaletten, Texturen und Kompositionen. Lassen Sie sich von visuellen Referenzen inspirieren, aber vermeiden Sie zu kopieren. Versuchen Sie, Ihre einzigartige Vision durch durchdachte stilistische Entscheidungen auszudrücken.

Druck / Ausgabe
- Farbraum: Arbeiten Sie in weitem Gamut (ProPhoto / Adobe RGB), Export sRGB (Web) oder Papier-ICC-Profil (Druck).
- Bildschirmproof (Soft Proof): Clipping von Farben außerhalb des Gamuts prüfen.
- Ausgabeschärfe: nach Größenänderung anwenden, angepasster Parameter (Web / matt / glänzend).
- Rauschmanagement: vor finaler Schärfung behandeln um Halos zu vermeiden.
- Archivierung: RAW + nicht-destruktive Masterdatei bewahren (XMP, Katalog oder gestapelte .psd/.tif).

Schnelle Checkliste
- Korrekte Belichtung bei der Aufnahme?
- Weißabgleich entschieden und kohärent.
- Technische Basiskorrektur gemacht (Verzerrung, AC).
- Extreme Dichten geprüft (keine unnötig ausgefressenen Lichter).
- Lokale Masken den Blick führend.
- Kein Überschuss an Sättigung / Klarheit.
- Schärfe angepasst an finales Medium.
- Dateiname / Metadaten sauber.

Zusammenfassend
Je höher die Anfangsqualität (Licht korrekt gelesen, klare Komposition, beherrschte Belichtung), desto leichter, schneller und kohärenter wird die Nachbearbeitung. Suchen Sie eine belebende aber glaubwürdige Wiedergabe: ein Kontrast, der atmet, hierarchisierte Farben, Details nur dort präsent, wo sie der Erzählung dienen. Die Software ist eine Verlängerung des Blicks, kein Ersatzrad.

